jobcenter Kreis Steinfurt, Steinfurt

Neue Perspektiven in Krisenzeiten

Als ungelernte Kraft in den öffentlichen Dienst. Das jobcenter Kreis Steinfurt machte es während der Corona-Pandemie möglich. Einer der Erfolgsfaktoren: engagierte Mitarbeitende.

Sie kennen sich aus dem Jugendzentrum in Saerbeck. Gordon Wolf hat dort als Betreuer gearbeitet und Kajtazi kam regelmäßig als Schülerin. Dann trennten sich ihre Wege.

Wolf absolvierte eine Erzieherausbildung und studierte anschließend Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung in Münster. Er arbeitete danach vier Jahre lang beim Verband sozialtherapeutischer Einrichtungen, bevor er 2011 zum jobcenter Kreis Steinfurt wechselte. Als Arbeitsvermittler ist er seitdem in Saerbeck und Emsdetten im Einsatz.

Kajtazi tat sich unterdessen schwer mit dem Lernen. Besonders das Lesen bereitete ihr Schwierigkeiten. Vielleicht, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, sondern
Serbisch. Vielleicht, weil ihr die nötige Unterstützung fehlte. Denn ihre Eltern waren als Folge des jugoslawischen Bürgerkriegs Anfang der 90er Jahre nach Deutschland geflohen und hatten es selbst schwer Fuß zu fassen. Kajtazi absolvierte also die Förderschule. Mit Erfolg. Aber nach ihrem Abschluss fand sie keine Ausbildungsstelle. Statt aufzugeben, begann sie als ungelernte Kraft zu Arbeiten. Jahrelang. Auch in der Schweinezucht, was keine leichte Aufgabe ist, sowohl körperlich als auch vor dem Hintergrund ihres muslimischen Glaubens.

Wenn Wolf Dienst in Saerbeck hat, schwingt er sich morgens aufs Rad und ist fünf Minuten später in seinem Büro im Rathaus. Er sitzt dort Tür an Tür mit den Kollegen von der Polizei. Man kennt und schätzt sich. Genauso wie alle anderen Mitarbeitenden im Rathaus.

In Saerbeck betreut Wolf rund hundert Männer und Frauen, die Leistungen der Grundsicherung für Arbeitslose, kurz Hartz IV, beziehen. Seine Aufgabe ist es, ihnen zurück ins Berufsleben zu helfen. Gleichzeitig kümmern sich die sogenannten persönlichen Ansprechpartner im Rathaus um die finanzielle Unterstützung der Betroffenen. Beide Seiten arbeiten Hand in Hand und tauschen sich täglich aus, um die Leistungsbeziehenden möglichst zielgerichtet unterstützen zu können. „Jede Akte, die wir schließen können, ist ein Erfolg, über den wir uns freuen“, betont Wolf.

Allerdings gestaltet sich der Weg zurück ins Berufsleben für jeden, der von ihm betreuten Männer und Frauen, unterschiedlich. „Das liegt allein schon an den verschiedenen Voraussetzungen, die sie mitbringen“, erläutert Wolf. Um alle bestmöglich zu unterstützen, beginnt er täglich um 6.50 Uhr seinen Dienst. Weit vor der Öffnungszeit, um sich auf die Gespräche des Tages vorzubereiten, Stellenangebote zu sichten, aktuelle Urteile und Gesetzesänderungen zu studieren oder sich neue Fördermaßnahmen und deren Voraussetzungen anzusehen. Außerdem liest er seine Mails, beantwortet Anfragen und erledigt, falls nötig, liegengebliebene Vorgänge.

Um spätestens neun Uhr klopft es an seine Tür und der erste Kunde kommt zum Gespräch. Rund vier bis sechs Termine stehen täglich im Kalender von Wolf. Am meisten Zeit nimmt er sich für die Erstgespräche. In diesem Termin erarbeitet er gemeinsam mit den Kunden die sogenannte Beratungsgrundlage, die wichtige Fakten zur Personen im Allgemeinen, zur Gesundheit, dem Bildungsniveau oder der individuellen Problemlagen beinhaltet. In gut gelagerten Fällen ergreift Wolf sofort Maßnahmen zur Qualifizierung oder unterbreitet direkt Stellenangebote.
Zwischendurch trudeln immer wieder Kunden rein, die beispielsweise Fahrtkostenabrechnungen oder Krankenbescheide vorbeibringen. Dienstende ist in der Regel um halb fünf. Aber wirklich Schluss ist für Wolf nie. Denn in einer Gemeinde wie Saerbeck kennt jeder jeden. Daher kommt es immer wieder vor, dass sich Kunden am Wochenende an der Supermarktkasse oder auf dem Fußballplatz mit kurzen Fragen an ihn wenden. Für Wolf kein Problem. Denn er mag seine Arbeit sehr.

Vor drei Jahren trafen sich Wolf und Kajtazi wieder. Sie kam als Kundin zu ihm. Er besorgte ihr zunächst einen Platz in der Jobakademie. Das ist eine Qualifizierungsmaßnahme für Männer und Frauen, die sehr nahe am Arbeitsmarkt sind. Kajtazi fand schnell wieder Arbeit in einem metallverarbeitenden Betrieb. Sechs Monate war sie dort beschäftigt. Letztlich scheiterte eine dauerhafte Anstellung aber an ihrer mangelnden Lesefähigkeit. Sie saß erneut bei Wolf im Büro und wollte unbedingt wieder arbeiten. Kajtazi war sehr motiviert, profitierte von den Maßnahmen, die Wolf ihr anbot.
Im Oktober 2019 fand sie eine Anstellung bei einem großen Logistiker. Sie arbeitete im Lager – glücklich eine Beschäftigung gefunden zu haben. Doch dann erlitt sie unerwartet einen Bandscheibenvorfall. Die Krankschreibung folgte. Schließlich übernahm sie der Betrieb nach der Probezeit nicht. Ein erneuerter Rückschlag.

Bis einschließlich April war sie krankgeschrieben. Dann saß sie wieder bei Wolf. Das Corona-Virus beherrschte die Schlagzeilen. Deutschland befand sich im ersten Lockdown.

Auch für Wolf hatte sich Einiges verändert. Er arbeitete jetzt oft im Homeoffice. Persönliche Gespräch vor Ort mit Kunden fanden nur in Ausnahmesituationen statt. Vieles wurde per Telefon geregelt. Integrationen in Arbeit waren schwierig. Denn die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hatten die Wirtschaft – auch im Kreis Steinfurt – mit voller Wucht getroffen. In der Folge nahm auch die Arbeitslosigkeit deutlich zu. Im Mai waren in der Region 12.174 Personen arbeitslos gemeldet. 23,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Ungelernte Arbeitskräfte hatten es besonders schwer.

Im September endlich ein Lichtblick. Die Entsorgungsgesellschaft Steinfurt (kurz EGST) im Bioenergiepark suchte eine Reinigungskraft. Nicht nur für die Büros, sondern auch für die Sanitär- und Gemeinschaftsräume des Kompostwerks. Ein geruchsintensiver Arbeitsplatz. Darüber hinaus gab es den Gedanken, einen Reinigungskraftpool aufzubauen und ihn mit anderen Unternehmen zu nutzen.
Sofort dachte Wolf an Kajtazi: „Sie hatte ja bereits in der Vergangenheit auf beeindruckende Weise gezeigt, dass sie unbedingt arbeiten möchte.“ Ein Anruf genügte. Schon saß Kajtazi im Bewerbungszentrum des Jobcenters und arbeitete mit den Mitarbeitenden an ihren Bewerbungsunterlagen. „In der Zwischenzeit habe ich einige Gespräche mit den Personalverantwortlichen der EGST geführt“, so Wolf. Schließlich konnte Kajtazi im Dezember ihre neue Stelle als Reinigungsfachkraft antreten. Allerdings zunächst als Praktikantin.
Sie machte ihre Arbeit gut. Mit speziellen Reinigungsmitteln säuberte sie täglich den Pausenraum, Duschen und Toiletten des Kompostwerks. Die Verantwortlichen der EGST waren zufrieden und attestieren ihr, dass sie sehr ordentlich, sehr zuverlässig und sehr sauber sei. Andere Probanden schieden aus. Kajtazi blieb und wurde unbefristet in Teilzeit übernommen. Das Jobcenter zahlte zunächst einen Eingliederungszuschuss.

Kajtazi ist jetzt Angestellte im öffentlichen Dienst und wird nach TVöD bezahlt. Sie ist ein festes Mitglied des EGTS-Teams. Neben den Reinigungstätigkeiten hat ihr Arbeitgeber ihr zudem in Aussicht gestellt, dass sie ab Sommer vier zusätzliche Stunden am Samstag im Wertstoffhof Saerbeck arbeiten könnte. Ihr Arbeitsumfang würde dann perspektivisch 24,5 Wochenstunden betragen.

Kajtazi ist glücklich. Seit ihrer unbefristeten Übernahme hat sie keinen Antrag auf Unterstützung durch das Jobcenter mehr gestellt. Mit Wolf hat sie trotzdem gesprochen. Sie hat ihm erzählt, dass sie sich eine eigene Wohnung suchen und wieder mit dem Fußballspielen anfangen möchte. Das habe ihr immer Spaß gemacht. Dann werden die zwei sich künftig auf dem Sportplatz treffen. Denn auch wenn sie Wolf mag, in sein Büro möchte sie nie mehr wiederkommen. Die Aussichten sind gut, dass es funktioniert.

Es freut mich, dass Anita Kajtazi den Weg zurück in Arbeit geschafft hat.

Gordon Wolf, Arbeitsvermittler des jobcenters Kreis Steinfurt.

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